“Der Geipel-Stein”

Von vielen unbemerkt und kaum zu sehen, findet man kurz nach dem Abzweig des Weges zur oberen Geipel-Fabrik am rechten Wegrand an der Böschung auf einer glatt behauenen Felsplatte zwei Inschriften. Ich habe diese Inschrift für mich erst einmal mit dem Arbeitstitel „Geipel-Stein“ bezeichnet.

K&G 1864
GG 1927

Die obere Inschrift steht für „Kummer und Günther 1864“ und bezieht sich wahrscheinlich auf das Baujahr der sogenannten Oberen Geipel-Fabrik, die auch unter der Bezeichnung Zier-Fabrik auftaucht.
Die Herren Kummer u. Günther betrieben 1849 bis 1883 die "Königl. Sächs. conzess. Zündrequisiten-Fabrik v. Kummer u. Günther "(Herstellung von Streichhölzern) an der Jöhstädter Straße, oberhalb der Siedlung (Kummer-Villa). Kummer u. Günther scheinen mit ihrem hauptsächlich auf Heimarbeit basierendem Gewerbe ganz erfolgreich gewesen zu sein, denn schon 1864 erweitern sie ihre Fertigung mit der genannten Fabrik. Doch bald wird die Zündholzherstellung weltweit mechanisiert. Überkapazitäten und Absatzprobleme sind die Folge und schnell verringerte sich die Vielzahl der neu entstandenen Zündholzfabriken wieder. Auch die Königswalder Fabriken schließen 1883.

Die untere Inschrift „GG 1927“ steht für: „Gustav Geipel 1927“.
Gustav Geipel, geb. 1872 in Bad Brambach, kommt 1903 nach Königswalde.
Er pachtet die Mauersberger-Mühle (später Eternach) und gründet eine „Seidenwickelei“.
Weil die Wasserkraft für seine Maschinen dort nicht ausreichte, erwarb er 1907, also vor genau 100 Jahren, die ehemaligen Hans-Friedrich-Mühle (Neue Strasse) von seinem letzten Besitzer, Christian Bauer, auf „Rentenbasis“.

Gustav Geipel wird einer der erfolgreichsten Unternehmer unseres Ortes ! Schon bald kauft er das Fabrikgebäude von ehemals Kummer & Günter dazu und erweitert seine Produktion. 1913 ist seine Zwirnerei mit 77 Beschäftigten bereits das größte Unternehmen in Königswalde ! In der Unteren Geipelfabrik, Neue Str. 2, arbeiten damals 53 Beschäftigte, in der Oberen Fabrik, Mittelstr. 44, sind es 24 Beschäftigte !

Der 1. WK hat für die erzgeb. Textilindustrie verheerende Auswirkungen. Der Export bricht zusammen.
Gustav Geipel steigt 1914 auf die Kriegsware „Papiergarn“ um und bleibt in dieser Zeit mit 40 Beschäftigten zweitgrößtes Unternehmen in Königswalde, nur die Fa. C.F. Kunze hat noch 20 Beschäftigte mehr.

Erst die zwanziger Jahre bringen wieder wirtschaftlichen Aufschwung: die Mitarbeiterzahl steigt und er erweitert seine Fertigung zusätzlich mit der Mittleren Geipelfabrik, Mittelstr. 43.

1920 hat er bereits wieder 85 Beschäftigte (davon 7 in Mittelstr. 43).1929 ist es mit 104 Beschäftigten das mit Abstand größte Unternehmen in Königswalde !

Die untere Inschrift auf dem Stein „GG 1927“ entsteht in dieser wirtschaftlichen Blütezeit: „Gustav Geipel 1927“ wird mit Stolz in dem vorhandenen Stein ergänzt ! Wahrscheinlich war der Anschluss der Fabrik Mittelstr. 43 an die Wasserkraft der Anlaß dazu. Das Wasser, das die Turbine der Oberen Geipelfabrik verließ wurde in sogenannten Pfannen, einem künstlichen Mühlgraben aus eisernen Halbschalen, hier auf gemauerten Sockeln herunter geleitet und in der Turbine der Mittleren Geipelfabrik ein zweites Mal genutzt !

 

Über das traurige Kapitel der Fa. GUSTAV GEIPEL „Zwirnerei, Weiferei, Spulerei und Cannettiererei für Kunstseide und Baumwolle“ nach 1945 kann man im 2. Teil unserer Chronik S.34ff. nachlesen: „Nach der Volksabstimmung am 30.6.1946 über die Enteignung von Betrieben von Kriegs- und Naziverbrechern in Sachsen, in der auch 90 % der Königswalder für eine Enteignung stimmten, wurden die Betriebe durch die Entnazifizierungskommission in A-, B- und C-Listen eingeteilt. Die Betriebe der A- Liste wurden daraufhin sofort in volkseigene Betriebe (VEB) umgewandelt. Kein Betrieb aus Königswalde stand auf der A-Liste. Als Einzige stand die Firma Gustav Geipel OHG auf der Liste der Betriebe, die weiter unter sowjetischer Kontrolle zwangsverwaltet wurden (Liste C). Als Treuhänder für die Zwangsverwaltung wurde Willy Nestler eingesetzt.

Die Zwirnerei gehörte damals mit einer Belegschaft von rund 50 Personen zu den größten Betrieben Königswaldes. Gustav Geipel kämpfte um den Erhalt seines Betriebes als Familienbesitz. Zunächst hatte die Ortskommission am 30. November 1945 vorgeschlagen, sein Vermögen zu beschlagnahmen. Dagegen legte er Einspruch ein. Daraufhin fasste die gleiche Kommission am 30. Dezember 1945 den Beschluss, sein Vermögen wieder freizugeben.

Doch nur noch für kurze Zeit verblieb die Firma in den Händen Gustav Geipels. Am 5. April 1946 bat er den Bürgermeister, seinen Sohn Edmund Geipel bei der Firma belassen zu können, da dieser eine Verpflichtungskarte des Arbeitsamtes für eine auswärtige Beschäftigung erhalten habe. Er wäre sonst infolge seines Alters von 74 Jahren und seines Gesundheitszustandes nicht in der Lage, die Betriebe aufrecht zu erhalten. Er gab sogar die Garantie ab, dass seine Betriebe nach Abschluss größerer Reparationsaufträge ein ganzes Jahr volle Beschäftigung hätten. Es blieb aber bei der Zwangsverpflichtung seines Sohnes und die Firma wurde ein viertel Jahr später endgültig auf die C-Liste gesetzt.

Zwei Jahre stand die Zwirnerei noch unter der Zwangsverwaltung des Treuhänders. Am 28. Juli 1948 teilte die Landesregierung der Gemeinde mit, dass die Firma nun volkseigen geworden sei und Dr. Jacob aus Bärenstein als Treuhänder und Betriebsleiter eingesetzt wurde. Die Enteignung geschah ohne Wissen der Gemeindeverwaltung, die erst nach einer Anfrage einen entsprechenden Bescheid bekam !
Der Betrieb war der erste VEB in Königswalde und für einige Jahre unter den Namen VEB Baumwoll- und Kunstseidenzwirnerei Königswalde auch der einzige…“

Gustav Geipels verstarb mit 83 Jahren im Sept. 1955.

Glück Auf !

Wolfgang Süß

 

zurück zur HOMEPAGE