Kirmes

Während das Erntefest unmittelbar an den Abschluß der Ernte knüpft, feierten unsere germanischen Vorfahren in der Kirmes den Abschluß des gesamten wirtschaftlichen Jahres. Der Winter stand vor der Tür, jetzt war es notwendig den Viehbestand zu reduzieren. Es begann die Zeit des Schlachtens. Fleisch war im Überfluß vorhanden. Das veranlaßte zu großen "Schmausereien", zu denen die Verwandten gerne eingeladen wurden. In diesen altdeutschen Jahresabschlußfesten sind die Wurzel für unsere Kirmes zu suchen. Auch der Martinsschmaus, das Gänseschlachten zum Martinstag (11.11.), hat einen ähnlichen Hintergrund.

Das Erntedankfest wurde früher am Michaelistag (29.9.) gefeiert, später auf den Sonntag nach Michaelis verlegt.

Als das Christentum Eingang fand, waren die alten Volksfeste so sehr verwurzelt, daß man schnell einsah, daß diese (heidnischen) Bräuche kaum abzuschaffen waren und man setzte, den strengen Vorschriften des römischen Bischofs gehorchend, ein kirchliches Fest sozusagen obendrauf. Auf das Jahresabschlußfest also die Feier zum Gedächtnis an die Einweihung der Kirche, wovon die Kirchweih oder Kirmes (in manchen Gegenden auch Kirmse - von Kirchmesse) ihren Namen hat. Aber auch mit dieser neuen Bestimmung übertrifft noch heute das weltliche ganz das kirchliche an diesem Fest, ähnlich wie sich auch zu Ostern und Weihnachten vorchristliches Brauchtum und kirchliches Fest zu einer nicht mehr trennbaren Einheit vermischt haben.

Das lustige Treiben des Volkes auf den Jahrmärkten unmittelbar vor oder neben der Kirche hat schon bald den Unmut der Obrigkeit hervorgerufen und so wurden immer wieder Ge- und Verbote erlassen, dieses "liebste und üppigste" Fest zu reglementieren. Auch gab es Versuche den Festtermin zu vereinheitlichen, um die Anzahl der Feste damit zu reduzieren. Schon Martin Luther beanstandete diese überschwenglichen Kirmesgelage und kritisierte "das säuisch Gefräs und unordentlich Leben" auf den "Freßkirben" und "Saufweihen"...

Ein Beispiel ist die Annaberger Kät, die aus der Kirchweihe der Annaberger Trinitatiskirche vor nun schon fast 500 Jahren entstand. "Sonsten wird all da am Fest der heiligen Dreifaltigkeit Kirchweihe begangen, mittags eine Predigt gehalten, dabei musizieret, und die Leute, welche sich in großer Menge aus der Stadt dabei finden, zu milder Beisteuer für die Armen ermahnet worden." (Chronik J. F. Stübel 1734). Hier liegt der Ursprung der Annaberger Kät. Aus dem latein. Trinitatis, zu deutsch Dreifaltigkeit machte der Erzgebirger "Dreifaltigkät" und schließlich Kät. Wer denkt heute an die festliche Weihe einer Kirche, wenn es zu diesem Rummel geht.

Besonders aber auf dem Lande, gehörte die Kirmes zu den volkstümlichsten Festen überhaupt. Noch mehr vor zwei-, dreihundert Jahren: Kirmes wurde fast jeder Schmaus, jedes große Fest genannt, eine Taufe war die Kindskirmes und Fastnacht eine Narrenkirmes.

Vor der Kirmes hielt in den Stuben ein großes Putzen Einzug. Wie in alten Zeiten wurde meist ein Schwein geschlachtet, Pflaumenkuchen gebacken, auch an Bier und Schnaps durfte es nicht fehlen. Die ganze "Freindschaft" war eingeladen, besonders die von auswärts, denn die hatten ja an einem anderen Sonntag ihre Kirmes. Essen und Trinken war das Wichtigste. Für die Kinder wurde auf dem Dorfplatz eine "Reitschul" aufgestellt, oder eine "Luftschaukel", es gab Zuckerwatte usw..

Zum Nachmittag zogen Musikanten durch den Ort, um "e Stückl Kochen" zu erhaschen und für den Kirmestanz abends im Gasthof zu werben. Der Kirmesmontag war früher im jeweiligen Ort arbeits- und schulfrei !

Recht wenig ist in unserer heutigen Zeit davon geblieben. Das Sauschlachten war mit der Vergenossenschaftung der Bauern schnell vorbei, wie auch vieles andere an bäuerlichem Brauchtum, Lebensart und Wissen damit verlorenging. Auch einen Kirmes-Jahrmarkt mit Kinderkarussell, Luftschaukel, Losbude usw. gibt es schon lange nicht mehr in unserem Dorf, selbst der Kirmestanz schläft langsam ein, wenn nicht Fam. Breitfeld in lobenswerter Weise was im Amtsgerichtssaal organisiert !

Wann und wie die "Termine" der Kirmes in den Dörfern und Städten in unserer Umgebung "festgelegt" wurden, darüber gibt es in den meisten Fällen nur Vermutungen. Nur selten ist der wirkliche Tag der Einweihung der Kirche über die Jahrhunderte überliefert, wie z. B. bei den Annaberger Kirchen St. Annen und Trinitatiskirche.

Hier eine Übersicht, was ich in den Pfarrämtern unserer Nachbarorte zusammengetragen habe, wonach sich der Termin der Kirmes richtet:

 

wann ist Kirmes

Annaberg

Trinitatiskirche: zu Trinitatis (1 Woche nach Pfingsten)
St, Annen: am Sonntag nach St. Anna (26.Juli)

Buchholz

am 2. Sonntag im Oktober

Arnsfeld und Bärenstein

am Sonntag nach Allerheiligen (= 1.11.)

Cranzahl

am Sonntag nach St.Gallus (= 16.Oktober), Schutzheiliger, Beschützer vor bösen Tieren (Bären, Wölfen, ...)

merke: "St. Gallus darf mit backen aber nicht mit essen"

Crottendorf

am 20. Sonntag nach Trinitatis

Cunersdorf

1 Woche nach dem Erntedankfest

Ehrenfriedersdorf

am Sonntag vor dem 2.Montag im September

Elterlein

am 2. Sonntag im September

Frohnau

am letzten Sonntag im September

Geyer

am 15. Sept., fällt er auf Montag bis Mittwoch, dann Sonntag vorher, sonst der Sonntag danach

Geyersdorf

am 1. Sonntag im November

Grumbach

am 2. Sonntag im Oktober

Hammerunter-wiesenthal

am 23.Oktober, ist es ein Mo oder Die, dann Sonntag vorher, ab Mittwoch der Sonntag danach

Jöhstadt

am 1. Sonntag im September

Königswalde

am letzten Sonntag im Oktober; wenn dieser auf d. Reforma-tionstag fällt, dann eine Woche früher, also immer im Oktober

Oberwiesenthal

am 17. Sept., ist es ein Mo oder Die, dann Sonntag vorher, sonst der Sonntag danach (bei Mittwoch wird operativ entschieden !)

Mildenau

am 3.Sonntag nach dem auf den Michaelistag (29.9.) folgenden Sonntag (=Erntedankfest)

Neundorf

am Sonntag nach dem 19. Oktober

Scheibenberg

am 1.Sonntag im November

Schlettau

am Sonntag nach dem 20.Oktober

Schwarzbach

am 3.Sonntag im Oktober

Sehma

am Sonntag vor dem Reformationstag (31.10.), wenn Reformationstag auf Montag fällt, dann eine Woche vorher

Wiesa

am 2. Sonntag im November

 

 

Glück Auf !

Wolfgang Süß

im Oktober 2002

 

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